Übersättigung und Niedergang des Sozialismus
ODER
Der Fischer und seine Frau

Unter den deutschen Märchen handelt eines von einem armen Fischer und seiner Frau. Sie fristeten in einer kleinen, halb verfallenen Fischerhütte ihr Leben. Eines Tages fing der Fischer einen goldenen Fisch, der zudem sprechen konnte und versprach, dem Fischer jeden Wunsch zu erfüllen, wenn er ihn nur wieder freiließe. Mehr aus Mitleid als aus dem Glauben an das Versprechen warf ihn der Fischer zurück ins Meer.

Als er seiner Frau davon erzählte, schickte sie ihn ans Meer, er solle sich ein schöneres Haus wünschen. Der Fisch erfüllte den Wunsch. Doch die Frau war nicht zufrieden. Sie schickte den Fischer erneut ans Meer, sich schöne Kleider und Schmuck für sie zu wünschen. Der Fisch erfüllte auch diesen Wunsch. Doch inzwischen genügte der Frau das neue Haus nicht mehr. Sie wünschte sich ein Schloß, der Fischer trug dem Fisch auch diesen Wunsch vor - und der Fisch erfüllte ihn. „Doch was", kreischte die Frau, „soll ich mit einem Schloß ohne Kutsche und Diener?" Als der Fischer dem Fisch auch diesen Wunsch vortrug, wallte das Meer auf und riß alles weg: das Schloß, die Kleider, den Schmuck, das Haus - und zurück blieb die alte, ärmliche, halb verfallene Fischerhütte.

Ähnlich ging es dem Volk der DDR und der anderen ehemals sozialistischen Länder - ganz ohne sprechenden goldenen Fisch. 1945 lagen die Länder in Trümmern, es gab keine Industrie zur Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse und folglich keine Arbeit, der Wohnraum war zerbombt, Hunger allgegenwärtiger Gast. Dementsprechend blühten Schwarzmarkt und Kriminalität, die Köpfe waren zudem nationalistisch verseucht...

Trotz all dieser Schwierigkeiten nahmen die Menschen den Kampf auf. Sie besiegten nicht nur den Hunger und die Wohnungsnot, sondern sie schufen einen wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Gegenpol zum imperialistischen Weltsystem mit Vollbeschäftigung, unentgeltlicher Bildung und Gesundheitsversorgung, sie schufen sich eine hochwertige Kultur mit Museen, Theatern, Opern- und Konzerthäusern, zu denen der Zugang für Alle erschwinglich war, sie schufen sich Möglichkeiten zur vielfältigen sportlichen und geistig-kulturellen Betätigung Aller, die Interesse daran hatten.

Und nicht zuletzt schufen sie sich einen materiellen „Wohlstand", dessen Vernunft schon hinterfragt werden muß - daß die gesamte Erdbevölkerung beispielsweise einen so hohen Motorisierungsgrad wie die DDR-Bevölkerung erreichen könnte, ohne daß die Umwelt kollabiert, ist unwahrscheinlich. Kühlschrank, Fernsehgerät und Stereoanlage waren längst allgemeiner Standard, ebenso wie Urlaub und Reisen.

Nun soll - und kann - der Mensch nie mit dem Erreichten zufrieden sein. Die Frage ist aber, welche Ziele man erreichen will. In der DDR und anderen sozialistischen Ländern trat ein seltsamer Effekt der Übersättigung ein. Die soziale Sicherheit und tatsächliche Chancengleichheit ohne Einfluß der sozialen Herkunft wie auch der materielle Wohlstand wurden zur Gewohnheit und nicht mehr wahrgenommen. Jetzt wollten die Meisten mehr. Sie wollten den ganzen bunten nutzlosen Plunder, den ihnen die Medien der imperialistischen Länder - insbesondere der BRD und ihre ideologischen Amme USA - vorgaukelten. Sie wollten Levi's, Wrangler, Johnny Walker, Bacardi, Camel und Honda, sie wollten größere, schnellere und vor Allem mehr Autos, um dann mit diesen großen schnellen Autos auf mehr und breiteren Straßen im Stau zu stehen, sie wollten Medien und Unkultur, die sie verwirren, verblöden und geistig vergiften. Sie wollten billigen Bananen und Kaffee, deren Produzenten ein Leben am Rande ihrer Existenzmöglichkeiten fristen. Sie wollten Kleidung, genäht von indischen Kinderhänden. Sie wollten Bordelle und Pornographie. Kurz: sie wollten die ganze Unvernunft und die ganzen Verbrechen des kapitalistischen Systems, in dem Wenige zum Schaden der Mehrheit und der Umwelt im Luxus leben. Sie wollten, was ihnen kapitalistische Medien und „Bürgerrechtler" als „Freiheit" vorgaukelten, die eine Freiheit weniger Schmarotzer ist. Sie wollten, was die Bourgeoisie „Demokratie" nennt, in der man aller 4 Jahre wählen kann, welche Farbe die Livree der Lakaien des internationalen Finanzkapitals hat und wie die Partei aus der reaktionären Einheitsfront heißt, welche die Regierung stellt.

Etliche gingen für das, was sie wollten, auf die Straße - wohlgemerkt aber nur ein Bruchteil der Bevölkerung. Die Mehrheit des Volkes wie auch der Regierung sahen dem eher staunend, ungläubig, orientierungslos und handlungsunfähig zu. Der Fischer - um auf das Märchen zurückzukommen - ließ seine Frau gewähren, wohl glaubend, das könne irgendwie gutgehen.

Doch wir wissen: ebensowenig, wie man ein bißchen schwanger sein kann, ist „ein wenig Marktwirtschaft" möglich. Man bekommt immer den ganzen Kapitalismus. So bekamen auch die DDR-Bürger nicht nur den bunten nutzlosen Plunder, den sie wollten, sondern die volle Portion Kapitalismus - mit Nachschlag. Denn mit Wegfall des Sozialismus als Weltsystem mußten auch die sozialen Standards in den kapitalistischen Staaten nicht länger aufrechterhalten werden. Massenarbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Prostitution und Drogenkriminalität kannten wir jahrzehntelang nur als Erscheinungen aus der Vergangenheit und aus einer fremden - nämlich der kapitalistischen - Welt. Immer breitere Schichten der Bevölkerung verarmen, wenn auch (meist) noch auf hohem Niveau, zumindest in der BRD - in den meisten osteuropäischen Ländern haben längst wieder Hunger und unerschwingliche medizinische Versorgung Einzug gehalten. Die Tendenz geht unaufhaltsam in Richtung weiterer Verschlechterung, wozu die EU-Erweiterung einen wesentlichen Beitrag leistet. Und nicht zuletzt treten wieder Verbrechen auf, welche wir längst vergangen und überwunden wähnten: Zwangsarbeit, welche zuletzt im faschistischen Deutschland der 30er/40er Jahre gesetzlich verhängt wurde, ist seit 2005 in der BRD wieder Gesetz. 1999 begann die BRD ihren ersten offiziellen Angriffskrieg gegen Ex-Jugoslawien. Ein Ende der Verbrechen ist weder abzusehen noch im Kapitalismus irgendwie möglich.

Nur das Volk selbst kann sich in einem sozialistischen Staat seine ökonomischen, sozialen und kulturellen Errungenschaften schaffen. Wenn es sich seiner Erfolge und der Vorzüge einer sozialistischen Demokratie, zu der auch die Verantwortung des Einzelnen für die gesamte Gesellschaft gehört, nicht mehr bewußt ist und meint, sein Schicksal sei in den Händen des internationalen Finanzkapitals besser aufgehoben, wird dieses Finanzkapital auch - sehr gern - über sein Schicksal bestimmen. Nur eben im eigenen Interesse und nicht in dem des Volkes. Die Mehrheit des werktätigen Volkes wird wieder vor seiner alten, ärmlichen und verfallenen Fischerhütte umsonst lamentieren, auf die Fischersfrau - die „Bürgerrechtler", „Demokraten" und „Freiheits-"Prediger gehört zu haben.

Als DDR-Bürger, der jetzt wieder unter dem Joch des Kapitals leben muß, weiß ich sehr gut, wovon ich schreibe.

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Das Umdenken